Dienstag, 11. Oktober 2011

1165. – Händchen halten.

Das Kind, ich schätze es auf 4 oder 5 Jahre, fährt am Nachmittag im Sonnenschein auf seinem kleinen Fahrrad in der Gartenwirtschaft. Es sind rasante Runden, die es da hinlegt, und es ist schön, seine Freude zu sehen. Immer wieder hält es Ausschau nach den Großeltern, ob sie auch wirklich mitbekommen, wie schnell es sausen kann, in seinem Blick ist gelegentlich die Sorge, ja beinah Argwohn – sehen die mich denn überhaupt noch – und eine wie verschattet wirkende stolze Ich-Gewißheit und Selbstgenügsamkeit – hier zwischen den hinteren Bäumen beim Sandkasten und den vorderen Bänken am Eingang. Ein ums andere Mal dreht es seine manchmal noch etwas unrund laufenden Bahnen.

Im Verlaufe seiner Runden kommt es nun rasch auf meinen Platz zugeschossen, ich sitze am Ende einer Bank, einer sogenannten Bierbank, die etwas bejahrt und grau lackiert in die Nähe seines Parcours hineinragt. Wieder blickt sich der Junge, ziemlich verdreht im Sattel hockend, nach den Großeltern um, in intensivem Blickkontakt befangen und, wie mir scheint, um Anerkennung bittend, dabei aber mit seinem Lenker schlenkernd und eiernd, wenngleich immer geschwinde korrigierend, sobald er den Kopf wieder nach vorne genommen hat.

Und wieder schaut er sich um, wieder schlackert er mit dem Lenker, und auf einmal spüre ich den Kollisionskurs, den er unweigerlich auf die Ecke meines Tisches nehmen muß, einer Tischplatte, deren Kante ziemlich genau die Höhe der Stirne des Kindes aufweist, und – ich weiß nicht, woher und wie – mit einer leichten, aber sehr raschen (dem alten Handballtorwart in mir geschuldeten?) Bewegung bedecke ich die Ecke des Tisches mit meiner Hand, und weich zieht der Schädel, mich reibungswärmend und über meinen Handrücken streichend, vorbei.

Als ich wieder klarer bei Verstand bin, ich mich beruhigt habe, weiß ich, daß das Kind sich schwer an der Schläfe verletzt hätte, weil es unter seinem nicht angeschnallten Helm, die Bänder baumeln pendelnd, genau dort aufgetroffen.
Wie es weiter rollt, spüre ich: nicht ich habe etwas getan, „es“ hat reagiert.

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