Montag, 27. Februar 2012

1185. – Auflagenhalbstark.

Der Literaturbetrieb ist das Rotlichtviertel des Geistes.

Wer sich dort zu oft aufhält, darf sich nicht wundern, woanders scheel, als Strolch, gar als Loddel angesehen zu werden.

Erkenntnisernst, Spiritualität, intellektuelle Aufrichtigkeit sind dort so rar wie die Erotik unten am Hafen.

Sonntag, 26. Februar 2012

1184. – Halbe Höhenlage.

Die traurige Arroganz all der jungen hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen hier, denen kein Glück beschieden ist, deren jahrelange hohe Konzentration überm Buchstaben, deren lineare Karrierebastelei nichts rechts, links hat entdecken lassen, die schon mit 24 auf dem Weg zu einer Vorform verfestigter Altjungfernschaft sich befinden, eine schnippische, ganz rasch ins Bissige wechselnde Altklugheit und Bescheidwisserei, denen niemand sich in den Weg stellen mag, nicht bloß weil sie sachlich ohnehin recht haben.

Nur – darauf ist im Leben gepfiffen. Die Wissenschaft ist ein Modus, sich zu verhalten, aber nicht der.

1183. – Hilfsbuchhalten.

Die korrekte Pflichterfüllung bei den selbst gestellten Aufgaben, von denen, so Haller, nur ich weiß, deren Lösung in keine Runde sich brüstender Helden hineingetragen wer­den muß, um anerkannt zu werden (wo sie auch kaum gesehen würde), eine nicht forderbare, „sinnlose“ Tätigkeit, durch die jedoch die Welt getragen und vielleicht sogar an einer unbedeutenden Ecke verändert wird, durch die ein winziger Schritt hin zu größerer Schönheit (oder weniger Lärm, Falschheit, Brimborium, Unwahrheit), zu einer klareren Rein​form des für richtig Empfundenen getan wird – auf die komme es ihm, Haller, an.

Nicht aufs Klappern, Rechthaben, die Zuhörer-um-sich-kreisen-Lassen, auch nicht auf die Behauptung von Einsicht, von Weltverständnis, Reife im Text, der durchs Verhalten im „Alltag“ ohnehin meist annulliert werde, so Haller.

Montag, 20. Februar 2012

1182. – Umzugskarton.

Hallers Versuche, zur Konzentration zu kommen, sind auf Abschiede angewiesen.

1181. – Philosophenkitsch.

Daß die Deutschen immer die Einheit von Macht und Weisheit träumen!
„Da oben“ ist nichts!

1180. – Solitäre.

Leute, die immer nur mit einem Menschen können. Gesellt sich ein zweiter dazu, werden sie, die soeben noch eloquent und flüssig kommuniziert haben, kopf­scheu. Zugleich sind sie sofort bereit, den ersten Intimus zur Seite zu schieben, als wirke die Perspektive, die der Hinzugekommene nur durch sein Erscheinen auf ihre Rede wirft, wie ein Korrektiv, ja wie die Negation des soeben Verlautbarten. 

Woran liegt das? Sie sind mit dem Ersten gar nicht des Gesprächs wegen zusammen; sie suchen eine Kontaktform, die es ihnen erlaubt, nicht allein sein zu müssen mit ihrer – Aufgeregtheit, mit ihrer Angst, mit ihrem Wunsch nach Entlastung und nehmen – jeden. Damit sind sie's, als wollten sie im Winter sich wärmen, zufrieden.

Das Auftauchen des Dritten bedeutet nun für sie so etwas wie die Etablierung einer offiziösen Gesprächssituation, die unter anderen Vorzeichen abläuft: hier gelten Logik oder  Glaubwürdigkeit oder Inhalte. Und die rasche Umschaltung auf die neue Situation wirft ein selbstverächtliches Licht auf die eben noch geltende Bedürftigkeit.
Daran sollte nichts sie erinnern.

Montag, 13. Februar 2012

1179. – Abstiegszone.

Haller empfand die Wahl des neuen Partners, für den die frühere Geliebte sich nun entschieden hatte – lange nach der gemeinsamen Zeit – als späte Kränkung. Nicht, weil dieses Ja ein weiteres Nein zu Haller bedeutete oder er sich – am neuen Partner, den er flüchtig kannte, von weitem gemessen – als besonders mieses Exemplar von Mann hätte empfinden müssen (dazu war zuviel Zeit verstrichen und Haller längst in gelingender Zweisamkeit angekommen), sondern weil er ihre alte Kultur von Paarsein, die er mit ihr erreicht zu haben glaubte, unterschritten sah, wo er, Haller, doch annehmen konnte, darin habe einst die Wahrheit dieser schönen Beziehung bestanden. Und es sei fraglos richtig, daß die Folge der Beziehungen eine aufsteigende Linie zeigen müsse, eine Entwicklung hin zu irgendetwas immer Besserem.

(Aber, so Haller im Wegdenken, vielleicht lag darin der Keim des Scheiterns: er hatte damals – wieder einmal – geglaubt, als jemand ganz Besonderes vor einem imaginierten intellektuellen Publikum agieren zu müssen, als hätte die damalige Beziehung in irgendeiner heute völlig unbedeutenden vergessenen Liga einen oberen Tabellenplatz halten müssen – weil man Beziehung öffentlich aufführte.

Diese tiefe Unehrlichkeit ließ ihn auch heute noch wie von außen auf diese alte Liebesgeschichte blicken. Deshalb war sie auch nie wirklich beendet und ad acta gelegt worden. Statt seinen Empfindungen nachzuspüren, hatten diese als grimmiger basso continuo einer langen Unzufriedenheit gebrummt, die sich immer wieder theoretisch tarnen wollte, dabei sein Glück nicht befördern half.

Es war dieses späte Nein, das stach wie eine heimtückische Nachlieferung ihrer gescheiterten Kommunikation.)