Donnerstag, 26. Januar 2012

1170. – Sicherheitsschäkel.

Haller wird gerettet von einem solchen Satz:
„Wer die Menschen betrachtet, stirbt vor Kummer.“
Peter Handke in der „Morawischen Nacht“.

Aus solcher Entlastung gelingt die Abkehr von Menschenlandschaft – wenigstens auf Zeit – und der Blick kann frei werden, ruhig an ihnen, den Brüllenden, Schwitzenden, Talkshows machenden vorbeizugehen auf … Wiesen und Berge und Nichttechnisches, Nichtmotorisiertes – Eindrücke unplugged …

1169. – Englisch oder durch.

Haller, der Junge, beruhigte sich kaum, als ihm aufgegangen war, daß das süße Schweinchen auf dem Schild über der Metzgerei doch Werbung fürs Schlachten war.

Empörend und spitzig diese Einsicht, dieses lapidare Symbol für den Tod eines Lebewesens, das konkret sterben mußte, damit wir es dann genau hier kaufen und dort zu Hause essen könnten.

Lange Irritation über die Verniedlichung dieses Sachverhalts, immer lustige Ferkelchen auf Speisekarten oder Lastwagen, lachende Säue, die unser Wohlbehagen sicherstellen sollten, präsentiert in durchtriebener Leugnung dessen, was ihnen bevorstand.

Die schmunzelnden dicken Metzger auf Tafeln und Hinweisen, hübsch die karierten Schürzen über gewölbten Bäuchen, blinkende Messer fröhlich wetzend. Und das Ferkel nebenan schien irgendwie immer einverstanden zu sein.

1168. Leihbrillen.

Einen guten Autor erkennt Haller daran, wie es ihn nach der Lektüre – oft sogar während des Lesens – weg drängt von ihm, um eigene Sachen im Sinne der eben kennengelernten Denkart zu formulieren, und sei es nur probehalber.

1167. – Falschspiel.

Ich habe absichtlich Fehler begangen, um mit ihrer Hilfe zu kommunizieren.

So habe ich denn immer wieder mit dem Schwung der Korrektur den anderen, den Fachmann, einen Zeitgenossen kennengelernt wie sonst kaum; und oft ist es dann dabei geblieben.
Denn der pedantischen Wut, die dabei losbrechen konnte, der unterkühlten Arroganz, die einen zum Frösteln bringen konnte, mochte ich mich nicht aussetzen.
Was wäre, wenn es erst einmal eine gemeinsame Belastung gegeben hätte, wenn schon diese Lappalien solche Wirkung erzielen konnten …

Dienstag, 11. Oktober 2011

1165. – Händchen halten.

Das Kind, ich schätze es auf 4 oder 5 Jahre, fährt am Nachmittag im Sonnenschein auf seinem kleinen Fahrrad in der Gartenwirtschaft. Es sind rasante Runden, die es da hinlegt, und es ist schön, seine Freude zu sehen. Immer wieder hält es Ausschau nach den Großeltern, ob sie auch wirklich mitbekommen, wie schnell es sausen kann, in seinem Blick ist gelegentlich die Sorge, ja beinah Argwohn – sehen die mich denn überhaupt noch – und eine wie verschattet wirkende stolze Ich-Gewißheit und Selbstgenügsamkeit – hier zwischen den hinteren Bäumen beim Sandkasten und den vorderen Bänken am Eingang. Ein ums andere Mal dreht es seine manchmal noch etwas unrund laufenden Bahnen.

Im Verlaufe seiner Runden kommt es nun rasch auf meinen Platz zugeschossen, ich sitze am Ende einer Bank, einer sogenannten Bierbank, die etwas bejahrt und grau lackiert in die Nähe seines Parcours hineinragt. Wieder blickt sich der Junge, ziemlich verdreht im Sattel hockend, nach den Großeltern um, in intensivem Blickkontakt befangen und, wie mir scheint, um Anerkennung bittend, dabei aber mit seinem Lenker schlenkernd und eiernd, wenngleich immer geschwinde korrigierend, sobald er den Kopf wieder nach vorne genommen hat.

Und wieder schaut er sich um, wieder schlackert er mit dem Lenker, und auf einmal spüre ich den Kollisionskurs, den er unweigerlich auf die Ecke meines Tisches nehmen muß, einer Tischplatte, deren Kante ziemlich genau die Höhe der Stirne des Kindes aufweist, und – ich weiß nicht, woher und wie – mit einer leichten, aber sehr raschen (dem alten Handballtorwart in mir geschuldeten?) Bewegung bedecke ich die Ecke des Tisches mit meiner Hand, und weich zieht der Schädel, mich reibungswärmend und über meinen Handrücken streichend, vorbei.

Als ich wieder klarer bei Verstand bin, ich mich beruhigt habe, weiß ich, daß das Kind sich schwer an der Schläfe verletzt hätte, weil es unter seinem nicht angeschnallten Helm, die Bänder baumeln pendelnd, genau dort aufgetroffen.
Wie es weiter rollt, spüre ich: nicht ich habe etwas getan, „es“ hat reagiert.

1164. – Nachbarschaftshilfe.

Wir sind nur solange interessant, als wir nützlich sind.

1163. – Hilflose Sinophilie.

In meinen Dank an die chinesischen Freunde fließt immer auch die Bitte ein um Entschuldigung für all die Dinge, die mein Land ihrem zugefügt hat.
Der Respekt, die Bewunderung für die chinesische Leistung nicht allein der letzten drei Jahrzehnte nach der Öffnung gelingt mir nur vorm Hintergrund der Dekonstruktion eigener moralischer Werte, deren europäische Genese ihren, global betrachtet, provinziellen Geltungsbereich hat, aber universalistisch auftritt.

Die Universalität der Menschenrechte ist nicht fraglich; aber die alltagspraktische Ausformung, mit der ihnen Raum verschafft wird, ist für uns nicht anders denkbar, als sie eben in Europa, wo sie spät genug, und hier in Deutschland sogar nur mit der amerikanischen Nachhilfe im Anschluß an den Zweiten Weltkrieg, Wirklichkeit geworden ist und praktiziert wird.


Für kleine und kleinste Gemeinschaften gedacht – die griechische Polis umfaßte zum Zeitpunkt der bedeutenden Theoriebildung gerade mal vierzehntausend Menschen! – und mit den Begriffen von Individualität, Hedonismus, Glücksversprechen aufgeladen, wie sie besonders das philosophische 18. Jahrhundert forciert hat, sind sie kaum geeignet, in der Lebenswirklichkeit durchgesetzt zu werden für so gewaltige Menschenmassen in solch riesigen Reichen, deren Daseinsorganisation gröber, härter, „hobelnder“, weniger individualisierend ablaufen muß allein wegen ihrer Größe.
Das wird hier in einem platten und immer grobschlächtig geführten „Menschenrechtsdialog“ nicht verstanden …

Die schlimme Arroganz des Westens gegenüber dem Reich der Mitte, die nur beim Aufflackern ökonomisch interessanter Perspektiven unterbrochen wurde, gehört mit zu den Gründen für die Rückständigkeit der Entwicklung in dem Riesenreich. Häme und Schadenfreude gegenüber chinesischen Fehlern, Versäumnissen und Rückschlägen korrelieren der verbreiteten Unkenntnis, in der hierzulande dem bald bedeutendsten Industrieland begegnet wird (Unkenntnis, die übrigens schon vom preußischen Oberphilosophen, dem Professor der Professoren, Georg W. F. Hegel, in erstaunlicher Schlichtheit vorexerziert wurde).